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#CharlieHebdo – Eine selektive Meinungs- und Presseschau

Die Anschläge in Paris wurden in den vergangenen Tagen in aller Ausführlichkeit und aus unterschiedlichsten Perspektiven analysiert, diskutiert und verurteilt. Im nun folgenden Diskurs zur Bedeutung für unsere Gesellschaft sollten die nachfolgenden Aspekte nicht zu kurz kommen.

Trägt die Religion mit Schuld?

Jeder der (jetzt) Angst vor dem Islam hat oder die Religion gar als Grundlage oder Brutstätte des Terrors sieht, sollte auch Notiz von der klaren Distanzierung und deutlichen Verurteilung der Anschläge durch islamische Organisationen nehmen. Die Erklärungen wurden noch am Tag der Anschläge veröffentlicht, u.a. vom Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. (ZMD), dem Liberal-Islamische Bund e.V. (LIB) und der Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB). So schreibt zum Beispiel der ZMD in einer Pressemitteilung:

Wir verurteilen diesen abscheuliche Terroranschlag aufs Schärfste. Wir sind erschüttert und schockiert über das Massaker, das an Zeitungsredakteuren und anderen Personen verübt wurde und wir trauern mit den Hinterbliebenen.

Es gibt in keiner Religion und keiner Weltanschauung auch nur einen Bruchteil einer Rechtfertigung für solche Taten. Dies ist ein feindlicher und menschenverachtender Akt gegen unsere freie Gesellschaft. Durch diese Tat wurde nicht unser Prophet gerächt, sondern unser Glaube wurde verraten und unsere muslimischen Prinzipien in den Dreck gezogen.

[…]

Eine dazu recht passende Karikatur von Carlos Latuff:

Kann man bei dieser unmissverständlichen Abgrenzung wirklich noch behaupten, “… der Islam ist die Summe dessen, was diejenigen, die sich auf ihn berufen, daraus machen”? Ein ansonsten empfehlenswerter Kommentar von Deniz Yücel drüben bei der taz.de.

Spätestens nach den Anschlägen wird von vielen Seiten eine Reformation des Islams gefordert, um zu verhindern, dass sich Fundamentalisten weiterhin auf die Religion als Motivation oder zur Rechtfertigung für Ihre Taten berufen können. Hierzu gibt es drüben bei zeit.de ein interessantes Interview mit dem Islamexperten Muhammad Murtaza von Parvin Sadigh: “Reform des Islam – Ahnungslose und Dummköpfe lehren den Islam”.

Armes {Bä|Bo|Dü|Le|Mue|Pe}gida?

Über manche Kanäle schwappte auch das ein oder andere Mitleid für die Retter des Abendlandes herein. A la “… sie nehmen doch nur das Recht zur freien Meinungsäußerung war und dann schalten sie ihnen sogar noch das Licht aus”, “… man darf doch auch seine Angst vor dem Islam öffentlich kundtun, ohne gleich ins rechte Eck befördert zu werden”, “… dass sind doch auch nur ganz normale Leute aus der bürgerlichen Mitte” oder “… es gibt auch gute Punkte in ihrem Forderungskatalog“.

Sicher.

Aber warum wählen sie einen solch polarisierenden Namen für ihre ‘Bewegung’? Sind selbst die scheinbar ‘guten’ Punkte nicht so schwammig formuliert, dass unklar bleibt, was eigentlich damit gemeint ist und wie diese erreicht bzw. umgesetzt werden sollen? Sollte man am Ende den Forderungskatalog nicht in seiner Gesamtheit sehen und die ‘Bewegung’ auf Grund dessen bewerten? Wenn den Anhängern ihre ‘Bewegung’ so wichtig ist, warum grenzen sie sich überhaupt nicht zu sympathisierenden Gruppierungen ab, denen es nun wirklich ohne Zweifel um alles andere als die Rettung der Werte des Abendlandes geht? Muss man die Attentate von Paris für die ‘Bewegung’ instrumentalisieren? Hat man sich mit den Hintergründen und der Bedeutung der Anschäge überhaupt einmal (objektiv … falls dieses Wort in solchen Kreisen ein Begriff sein sollte) auseinander gesetzt?

Wer Mitleid oder Zweifel hat, könnte auch einen Blick in “PEGIDA – ein Erfahrungsbericht” drüben bei Egoteaist werfen, oder zum Beispiel den Artikel von Merlind Theile in der aktuellen Druckausgabe Der Zeit (02/2015) lesen, in dem über den Dresdner Journalisten Uli Wolf berichtet wird, der zur Hassfigur der PEGIDA-Szene wurde.

Es sollte auch noch erwähnt werden, dass bei der heute veröffentlichten, eher weniger repräsentativen Umfrage der TU Dresden zu PEGIDA interessante Ergebnisse heraus gekommen sind. Die Hauptmotivationen zur Teilnahme waren “Unzufriedenheit mit Politik”, “Kritik an Medien und Öffentlichkeit” und an dritter Stelle “Grundlegende Vorbehalte gegenüber Zuwanderern und Asylbewerbern”. Die Studie (Präsentation) ist eher weniger repräsentativ, da von den Wissenschaftlern versucht wurde, bei den letzten drei PEGIDA-Veranstaltungen in Dresden insgesamt rund 400 Teilnehmer zu befragen, von denen am Ende aber nur 100 überhaupt bereit bzw. in der Lage waren, die Fragen zu beantworten. Und dabei war es ja gar nicht mal die “Lügenpresse”, die gefragt hatte.

Satire und #JeNeSuisPasCharlie

Neben den Ich-bin-Charlie-Bekundungen gibt es auch Menschen, die nicht Charlie sind und trotzdem die Anschläge von Paris verurteilen, Mitgefühl für die Opfer und deren Angehörigen zeigen und ihre Solidarität mit Frankreich und den Werten der Republik zum Ausdruck bringen möchten. Der einzigste Unterschied ist, dass sie das betroffene Satire Magazin “Charlie Hebdo” kritisch sehen und deshalb Ihre Beileids- und Solidaritätsbekundungen nicht mit einem pauschalen #JeSuisCharlie in die sozialen Netzwerk einspeisen. Drüben bei sueddeutsche.de gibt es hierzu einen lesenswerten Artikel von Lilith Volkert: “Kritik an Satirezeitschrift – Charlie Sein oder Nichtsein”.

Nach der Lektüre stellt sich die Frage, sind die als Beispiel genannten Beiträge wirklich bereits als sexistisch, homophob oder rassistisch zu bewerten und damit das gesamte Magazin? Und am Ende, was ist eigentlich Satire und was ist im Rahmen dessen noch erlaubt bzw. schon verwerflich? Zur Beantwortung hält NDR Extra 3 eine hilfreiche Definition und Abgrenzung durch Jesko Friedrich bereit, auch wenn sich diese primär auf Fernsehsatire bezieht: “Was darf Satire?”.

Verschärfung von Sicherheitsmaßnahmen!

Bereits zu der Zeit, als die Geiselnahmen noch nicht beendet waren und die Hintergründe der Taten noch vollkommen im Dunklen lagen, wurde zu einer Innenministerkonferenz geladen, um sich länderübergreifend über eine Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen abzustimmen. Selbstverständlich inklusive den Vorreitern der grenzen-, maß- und gesetzlosen Überwachung.

Auch in Deutschland haben die Forderungen nicht lange auf sich warten lassen. Allen voran die Bierzeltpartei CSU, die sich nicht zu schade war, nur einen Tag nach den Anschlägen die Vorratsdatenspeicherung bereits wieder aus dem Sack zu holen, obwohl der Europäischen Gerichtshof diese erst im April 2014 für verfassungswidrig erklärt und verboten hat (Urteil des EuGH). Umso trauriger, dass in Frankreich die Vorratsdatenspeicherung bereits seit Jahren durchgeführt wird, aber die Anschläge dadurch auch nicht verhindert werden konnten. Dass die Attentäter im Schengener Informationssystem erfasst waren, hat ebenfalls nicht geholfen.

Egal welche weiteren Schritte jetzt kommen werden, die 239 seit dem 11. September 2001 innerhalb der Europäischen Union eingeführten Maßnahmen zur Bekämpfung des Terrorismus scheinen bei weitem noch nicht genug zu sein. Sie werden mit dem Vorwand der Begründung eingeführt, sich gegen die Symptome des Extremismus (Terrorismus) besser schützen zu können. Die ausführliche Auseinandersetzung mit den eigentlichen Ursachen und deren nachhaltige Eindämmung scheint auf keiner Tagesordnung zu stehen und dabei wäre dies viel wichtiger, als weiter die Grundsätze und Werte unserer Gesellschaft zu untergraben.

Am Ende entsteht damit die paradoxe Situation, dass keine freiheitlichen Werte mehr existieren werden, die noch durch Terrorismus gefährdet werden könnten. Vielleicht erweist sich das auch als wirksamstes Mittel dagegen. Hoffentlich nicht.

Ausführliche Stellungnahmen:

Persönlich hoffe ich, dass wir an den folgenden Grundsätze nach wie vor festhalten werden: Liberté, Égalité, Fraternité.

Bezüglich angeblicher “Islamisierung”

Manch anderem besorgtem Bewohner des Abendlandes mag die aktuelle Entwicklung langsam wie eine Wiederholung der Vergangenheit erscheinen. Aus diesem Grund soll an dieser Stelle ein bereits vor sieben Jahren verbloggtes Video ebenfalls wiederholt werden.

Aktueller denn je ist Hagen Rethers Jahresrückblick aus der „Scheibenwischer“ von 2007:

Sehr traurig, dass mittlerweile die Stimmungsmache nicht mehr nur durch die Medien, sondern auch durch angebliche Teile der Gesellschaft erfolgt.

World Wide Investment Fund For Nature and More

Sind Sie für eine konstruktive Zusammenarbeit mit Monsanto und anderen Freunden der Gentechnik? Verstehen Sie unter nachhaltiger Landwirtschaft den monokulturellen Anbau von nachwachsenden Rohstoffen? Sehen Sie es als beachtlichen Erfolg, wenn dabei 0,5 % des ursprünglichen Urwaldes durch unser Engagement erhalten werden konnte und als ausschließlicher Lebensraum für alle vertriebenen Arten dient? Möchten Sie dafür spenden, dass wir mit Ihren Geldern unerschlossene Gebiete kartographieren, um sie dann nachhaltig durch die Palmölindustrie brandroden bewirtschaften zu lassen? Sind Sie für die professionelle Jagd auf Wilderer durch von Ihnen finanzierte Söldner? Dann schieben Sie jetzt Ihre Ablassabgabe rüber, so wie dies auch schon Ölkonzerne und andere, nicht ganz so ökologisch und nachhaltig ausgerichtete Großkonzerne erfolgreich gemacht haben … in manchmal, vielleicht nicht ganz so transparenten Vorgängen.

So oder so ähnlich müssten eigentlich der Werbetext für eine der größten Naturschutzorganisationen der Welt lauten, schenkt man der WDR Sendung “Der Pakt mit dem Panda: Was uns der WWF verschweigt” (ARD Seite | Mediathek) von Wilfried Huismann Glauben. Selbstverständlich stimmt das alles nicht und der WWF klärt sofort auf. Bereits die Vorankündigung wurden durch den knurrenden Panda leicht zurechtgestutzt (siehe ARD Seite).

Eine textuelle Zusammenfassung der Sendung gibt es bei der sueddeutsche.de, auch die taz.de hat mitgeschaut.

Was wohl Chi Chi dazu sagen würde?

The untold story of planned obsolescence

Did you know that the lifetime of light bulbs once used to last for more than 2500 hours and was reduced – on purpose – to just 1000 hours? Did you know that nylon stockings once used to be that stable that you could even use them as tow rope for cars and its quality was reduced just to make sure that you will soon need a new one? Did you know that you might have a tiny little chip inside your printer that was just placed there so that your device will “break” after a predefined number of printed pages thereby assuring that you buy a new one? Did you know that Apple originally did not intend to offer any battery exchange service for their iPods/iPhones/iPads just to enable you to continuously contribute to the growth of this corporation?

This strategy was maybe first thought through already in the 19th century and later on for example motivated by Bernhard London in 1932 in his paper “Ending the Depression Through Planned Obsolescence”. The intentional design and manufacturing of products with a limited lifespan to assure repeated purchases is denoted as “planned/programmed obsolescence” and we are all or at least most of us upright and thoroughly participating in this doubtful endeavor. Or did you not recently think about buying a new mobile phone / computer / car / clothes / … because your old one unexpectedly died or just because of this very cool new feature that you oh so badly need?

The Light Bulb Conspiracy
"The Light Bulb Conspiracy" by Cosima Dannoritzer

A really well done documentary that provides a comprehensive overview about and a detailed insight into this topic recently aired on Arte and other European television networks. It is entitled “The Light Bulb Conspiracy – The untold story of planned obsolescence” (aka “Pyramids of Waste”, DE: “Kaufen für die Müllhalde”, FR: “Prêt à jeter”, ES: “Comprar, tirar, comprar”) and is a French/Spanish production directed by Cosima Dannoritzer. Recordings of the movie have been uploaded to various video portals, for example currently available on YouTube in EN/International with Norwegian subtitles, DE, FR and ES. Just the official TV and Internet broadcasts were viewed by over 2,500,000 people.

If you like to follow up on some of the documentary’s content, here are the links: The light bulb at the Livermore-Pleasanton Fire Department can be watched here via web cam. Wikipedia has some more information on the Phoebus cartel in EN and DE. The referenced clip about the tremendous waste of ink by inkjet printers can be found at Atomic Shrimp: “The Dirty Little Secret Of Inkjet Printers”. The software to reset the page counter of various Epson printers can be found here: SSC Service Utility for Epson Stylus Printers. The people that made “iPod’s Dirty Secret” are the Neistat Brothers. The tough guy from Ghana that collects evidences at the dumping grounds to identify the orignators of electric waste is Mike Anane and he also contributed to the report “Poisoning the poor – Electronic waste in Ghana” issued by Greenpeace.

That planned obsolescence may be needed or even is substantial to appease the ever-growing hunger to achieve continuous and distinct economic growth that is natural to nations with advanced economies aka developed (?) countries is one part. The past and present is comprised of numerous advocates and supporters with well-engineered argumentations in favor of this business strategy. But even the ultimate argument gets immediately and indisputably absurd and unreasonable when it comes to the thereby produced waste – the other part of planned obsolescence. “The Light Bulb Conspiracy” quite clearly showed where this leads to and especially where all the resulting waste is dumped.

Let’s keep that in mind while impatiently waiting for the release of the next generation of the iPhone …


Trailer “The Light Bulb Conspiracy”

[written and directed by Cosima Dannoritzer]

Eine etwas andere Art des Computerspiels: Inside the Haiti Earthquake

Im Oktober/November 2010 hat die kanadische Produktionsfirma PTV Productions unter dem Namen “Inside the Haiti Earthquake” eine etwas andere Art der First-Person Simulation veröffentlicht.

Serious Game: Inside the Haiti Earthquake (PTV Productions)

Mit “Inside the Haiti Earthquake” kann der Spieler interaktiv in der Rolle eines Journalisten, eines Helfers oder eines Überlebenden die Ausmaße und Eindrücke der Erdbebenkatastrophe in Haiti hautnah erleben (mehr Informationen). Das Spiel kann kostenlos im Internet gespielt werden, auf die Vergabe von Spielpunkten oder gar die Kür eine Gewinners wurde entsprechend verzichtet. [via zeit.de]

Die Produktion war für die Canadian New Media Awards 2010 in den Kategorien “Best Cross-Platform Project” und “Best Web-Based Game” nominiert.

Möchte man das Genre mit Begriffen aus der traditionellen Computerspielewelt bezeichnen, dann treffen es wohl am besten “Adventure” oder “Rollenspiel”, obwohl die eigentlich richtige Kategorie dafür “Serious Game” ist. Die Produzenten selbst wählen lieber die Bezeichnungen “interactive experience” oder “role-playing simulation” [via huffingtonpost.com], da die Assoziationen die man mit einem Computerspiel im eigentlichen Sinne verbindet – wie zum Beispiel Spaß und Unterhaltung – in diesem Fall alles andere als zutreffend sind.

Coal
Serious Game: Voyage au bout du charbon / Journey to the End of Coal (Honkytonk Films)

Inspiriert wurde das Projekt von “Voyage au bout du charbon / Journey to the End of Coal”, einer französischen Produktion von Honkytonk Films, in Zusammenarbeit mit Amnesty International und Reporter ohne Grenzen, in welcher interaktiv die Lebens- und Arbeitsbedingungen chinesischer Kohleminenarbeiter erspielt werden können (mehr Informationen).

Auch wenn das Format “Serious Game” im ersten Moment etwas ungewöhnlich ja nicht sogar inkorrekt/unpassend erscheinen mag, so kann durch die interaktive Mitwirkung des Spielers am Handlungsablauf eine vielleicht noch tiefgründigere und umfassendere Auseinandersetzung mit der eigentlichen Thematik erreicht werden, als es zum Beispiel mit einem klassischen Dokumentarfilm möglich wäre. Mal schauen, welche Themen als nächstes bearbeitet werden.